„Die können einfach nichts“ - war kürzlich im Stern zu lesen. Ein Studienrat berichtete unter aus Sicherheitsgründen geändertem Namen über die unhaltbaren Zustände im Berufsgrundbildungsjahr an seiner Schule. Nicht nur dort findet ein Schulalltag voller Frust und sogar Gefahr für alle Beteiligten statt. Einfache Verhaltensweisen, wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Sauberkeit oder womöglich Fleiß zeigen die meisten Schüler nicht.
Wie wir erfahren, haben im letzten Jahr 3 Absolventen dieser Anstalt einen Hauptschulabschluss erhalten. Die meisten verlassen die Schule so, wie sie gekommen sind - mit nichts, außer der Bestätigung, dass sie nichts sind. Sie können nicht rechnen, nicht lesen, nicht schreiben. Die Berufsschule kann hier nicht auffangen, was schon viel früher hätte abgewendet werden müssen. Die Forderung, es hätte schon in der Grundschule ein Korrektiv für die Verhaltensauffälligen geben müssen, liegt nahe.
Aber hier sieht es häufig nicht anders aus. Wenn von 23 Kindern einer Grundschule in Hamburg nur drei zu Hause deutsch sprechen und alle anderen aus verschiedenen Ländern dieser Erde kommen, sind die Vorraussetzungen nicht gut. In vielen Familien sind die Väter irgendwie abhanden gekommen, sei es, dass sie gestorben, verschwunden oder einfach weggegangen sind. Das Engagement dieser Eltern am Schulleben ist oft gleich Null. Die meisten Kinder aus solchen Familien kennen von zu Hause Brüllerei oder Schläge. Leise reden müssen sie erst lernen. Häufig gehen sie aus geringfügigen Gründen aufeinander los. Dabei sind die Kleinen erschreckend schmerzunempfindlich. Verwahrloste, stinkende Kinder mit ungewaschenen Haaren und ungeputzten Zähnen kommen täglich in derselben Kleidung in den Unterricht. Von elterlicher Fürsorge ist hier keine Spur.
Die Schule wird als Verwahranstalt gesehen.
Welche Möglichkeiten muss ein Schulgesetz schaffen, um die nötigen Änderungen zu ermöglichen?
Die seit den siebziger Jahren praktizierte Beliebigkeit im Schulsystem muss gestoppt werden. Schüler kommen aus Elternhäusern. Dort werden sie erzogen und erhalten die nötige Fürsorge. Wenn Eltern diesen Pflichten nicht nachkommen, müssen sie deutlich daran erinnert werden. Kindergeldzahlungen
und soziale Unterstützung könnten davon abhängig gemacht werden, ob ein Kind zum Spracheingangstest vorgeführt wird, regelmäßig die Schule besucht, die Hausaufgaben erledigt, gewaschen, ordentlich gekleidet und ausreichend ernährt im Unterricht erscheint. Sollte es sich ungebührliches Verhalten, gewalttätige Ausschreitungen oder Sachbeschädigungen leisten, müssen die Eltern zur Verantwortung gezogen werden, im Falle von Mittellosigkeit durch Arbeitseinsatz. Erziehung kann nur in Kooperation von Schule und Elternhaus erfolgreich sein, nie gegeneinander. Immer aber hat das Elternhaus die Grundlagen zu schaffen. Wenn Kinder aus anderen Kulturkreisen ins schulpflichtige Alter kommen oder übersiedeln, müssen nicht nur ihre Deutschkenntnisse überprüft werden, sondern auch, ob ihnen die Werte und Ethik ihres Gastlandes überhaupt bekannt sind. Ist dem nicht so, müssen sie in „Lerncamps“ befähigt werden, die deutsche/europäische Kultur zu verstehen. Sie lernen hier Gesetze und Regeln kennen und den Unterschied zwischen richtig und falsch. Übertretungen werden geahndet.
Seitens der Schule muss es von Beginn an regelmäßige Überprüfungen des Lernstatus der Schüler geben. Nur so lassen sich Lücken entdecken und schließen, um die Chancen der Kinder auf Bildung zu gewährleisten. Nötigenfalls müssen Schüler in ihrer Freizeit und den Ferien nacharbeiten und lernen, was sie nicht können. Dann muss erneut überprüft werden, ob ihre erfolgreiche Mitarbeit im Klassenverband gewährleistet ist.
Es darf keine Ressentiments gegenüber einer neu zu definierenden Förderschule geben. Hier sorgen besonders qualifizierte Lehrkräfte und Psychologen dafür, dass eingeschränkt lernfähige Schüler die nötige Unterstützung bekommen.
Unterricht sollte sich wieder mehr auf Sprache und Nachahmung ausrichten. Kinder, besonders Migranten, haben zu wenig Sprachdrill. Im Offenen Unterricht bleiben sie sich vorwiegend selbst überlassen, haben keine Chance auf ein gutes Deutsch. Die Vorbildfunktion der Lehrkraft fällt aus. So hantieren die Kinder von Beginn an mit einer auf ihre Anlässe ausgerichteten Funktionssprache, die mit wenig Wortschatz und noch weniger Konjunktionen oder Präpositionen auskommt. „Lass Pausenhalle gehen“ ist ein typisches Beispiel.
Die Gewalt an den Schulen nimmt zu. Immer häufiger kommt es zu ausartenden Schlägereien. Die Brutalität, mit der schon jüngere Schüler vorgehen, ist erschreckend. Auslöser für diese Übergriffe sind oft provozierte „Beleidigungen“. Ursache für dieses Vorgehen ist eine permanente Leere und Sinnlosigkeit im Alltag der Kinder. Sie sind konsumgewohnt und können sich nur selten sinnvoll beschäftigen. Fällt die nötige Reizflut durch Medien oder andersgeartete „Action“ aus, sorgen diese jungen Menschen selbst für Abwechslung, indem sie nachahmen, was sie aus Videospielen oder Soaps kennen. Manche Kinder spüren sich nur, wenn sie Grenzen übertreten und die entsprechenden Reaktionen hervorrufen.
Dabei fehlt nicht nur die Achtung vor den Mitschülern, sondern auch der Respekt vor den Lehrern. Immer häufiger werden Lehrkräfte, Männer und Frauen, persönlich beleidigt oder sexistischer Anmache ausgesetzt. Eine Kollegin wurde letztens von Schülern einer 8. Hauptschulklasse gefragt, ob sie mal erklären könne, was „Tittenfick“ sei und wann ihr „erstes Mal“ war. Ein Kollege wird mit Nachrufen wie „Schwuli“ verfolgt. Mir wurde von einem Schüler einer 9. Hauptschulklasse nach einer Maßregelung von mehreren Schülerinnen offenbart, wenn ich das zu seiner Schwester gesagt hätte, hätte er mir ins Gesicht geschlagen.
Gerade erfuhr ich von einem Studienrat, dass in der Nacht ein Molotow Cocktail gegen sein Haus geschleudert worden war. Der Brand konnte zum Glück rechtzeitig gelöscht werden. An seiner Schule wurde eine junge Kollegin von türkischstämmigen Schülern einer Abschlussklasse bedroht, „man würde ihr nach dem Abschluss gern mit der Pumpgun ins Gesicht schießen“. Von einer anderen Lehrkraft erfährt man, dass sie sich nach einer Morddrohung in psychiatrische Behandlung begeben musste. Vor einiger Zeit wurde in einer Schule in Wilhelmsburg während des Unterrichts einer jungen Lehrerin von einem Schülervater vor versammelter Klasse mit der Faust die Nase zerschlagen.
Manche Lehrer „..haben regelrecht Schiss“ (Zit. Stern) in die Klassen zu gehen. Einige „Schüler sind so abgebrüht, die würden vor nichts zurückschrecken“.(Zit. Stern)
Sie bringen Totschläger, Springmesser und sogar scharfe Schusswaffen mit in die Schule, von Drogen ganz zu schweigen.
Die Folgen konnten wir anhand der jüngsten Ereignisse erfahren. Zu vermuten ist, dass es sich dabei nur um die Spitze des Eisberges handelt.
Statt das Thema weiterhin zu verharmlosen, müssen wir die Tatsachen beim Namen nennen, denn nur dann können wir sie anpacken. Solange wir schweigen oder es uns peinlich ist, dass wir mit diesen Angriffen nicht umgehen können, werden sich die Verhältnisse noch steigern. Es ist stark zu bezweifeln, ob man solche Zustände, wie wir sie heute schon erleben durch Videoüberwachung oder dergleichen regeln kann, aber es kann helfen. Straftaten von Jugendlichen müssen spürbare Strafen nach sich ziehen. Solange die jungen Menschen über „schwache Richter“ und die Polizei, der oft die Hände gebunden sind, lachen, wird sich nichts ändern.
Wenn die Institution Schule und die Lehrer keine Achtung erfahren, gibt es keinen Weg mehr für Bildung.
Jeder Einwohner eines Landes hat die Gesetzte, auch die Schulgesetze, zu befolgen. Die Behörde muss sich nicht um die verschiedenen Dolmetscher bemühen, um allen Migranten ihre Rechte und Pflichten zu erklären, denn die Amtssprache ist hier Deutsch. Wer hier leben will, muss diese Sprache lernen und sich Information selbst beschaffen. So ist es überall auf der Welt. Unsere zunehmende Servilität wird uns nicht gedankt, sondern nur als Schwäche ausgelegt.
Der Schwerpunkt der Lehrerausbildung sollte auf der Auswahl geeigneter Personen liegen, die nicht nur die nötige Vorbildfunktion für die Schüler erfüllen können, sondern auch von ihrer persönlichen Struktur her geeignet sind, liebevoll aber konsequent Kinder und Jugendliche zu leiten. Dazu sollten sie Berufserfahrung mitbringen. Wer sich lebenslang nur im Schutzraum der Schule bewegt hat, ist wenig geeignet, Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten. Die Zeit der Elfenbeintürme scheint überholt. Diese Lehrkräfte müssen aber von Seiten des Schulgesetzes ausreichend Rückhalt bekommen. Kontraproduktiv sind Schulaufsichtsbeamte, die im Falle nicht beschulbarer Jugendlicher dem Kollegen sagen „da machen Sie wohl was falsch“, oder diese Schüler von Schule zu Schule weiterschieben, ohne sich bewusst zu sein, was sie dem Jugendlichen und auch den aufnehmenden Schulen antun.
Die Schulbehörde, die Schüler und auch die Bevölkerung werden solche geeigneten Lehrer wertschätzen. Das Bild des Lehrers in der Öffentlichkeit könnte sich positiv verändern. Heute treffen Jugendliche leider nicht selten auch auf desinteressierte, ausgebrannte Stoffvermittler, die mit der Erwartungshaltung unterrichten, dass die Schüler zu funktionieren haben. Die große Chance, die Kreativität der jungen Leute einzubringen und zu nutzen, wird vertan. Oft fehlt auch einfach die nötige Kraft.
Lehrern muss auch die Möglichkeit gegeben werden, verhaltensauffällige und gestörte Schüler außerhalb des 45 Minutentaktes zu beschulen. Nur wenn man den Rhythmus ändert und die oft vorhandenen praktischen Fertigkeiten dieser Jugendlichen zum Lernen nutzt, wird sich ihre geballte Energie nicht negativ im Unterricht und zu Lasten von Lehrern und Mitschülern entladen. Denn man muss leider erkennen, dass manche jungen Menschen gar nicht wissen, was sie in der Schule sollen. Für Unbelehrbare sollte es eine außerschulische Dauerbetreuung in den schon genannten Lerncamps geben, bis sie am Unterricht teilnehmen können, ohne das Recht aller Schüler auf Lernen zu gefährden oder unmöglich zu machen. Hier werden Kinder und Jugendliche rund um die Uhr betreut, gefördert und gefordert. Sie lernen Werte wie „richtig“ und „falsch“ und was Achtung vor Anderen bedeutet. Damit wird es ihnen möglich, sich einzuordnen.
Die Schule soll die Jugendlichen auf das Leben vorbereiten, nicht auf die Arbeitslosigkeit. Nur Schüler, die genug gelernt haben, werden Lehrstellen finden und für Berufe ausgebildet werden können. Solange Betriebe die vorhandenen Lehrstellen wegen Fehlens geeigneter Auszubildender nicht besetzen können, braucht man von Ausbildungsplatzabgabe nicht zu reden.
Lernen muss „in“ sein. Mit einer vernünftigen Bildungspolitik und der Priorität auf Bildung im Haushalt kann das gelingen.
Karin Brose, Studienrätin